2026-06-12

Die Zweite S-Bahn-Stammstrecke München — 11 Milliarden und kein Ende

Münchens größtes Verkehrsprojekt kostet mittlerweile 11 Milliarden Euro. Was bei dem Megaprojekt schiefgelaufen ist — und was das für künftige Infrastruktur-Ausschreibungen bedeutet.

Sieben Kilometer Tunnel quer durch München, drei neue Bahnhöfe in bis zu 41 Metern Tiefe, jahrelange Baustellen — und eine Kostenexplosion, die im Bayerischen Landtag für Erschütterung sorgt. Die Zweite S-Bahn-Stammstrecke sollte das überlastete Münchner Nahverkehrsnetz entlasten. Jetzt steht sie als Mahnmal dafür, wie Großprojekte aus dem Ruder laufen.

Die Deutsche Bahn hat im Jahr 2026 die Kosten auf 11 Milliarden Euro beziffert — deutlich mehr als ursprünglich geplant. Wie konnte das passieren? Und was bedeutet das für Bauunternehmen, die sich an öffentlichen Infrastruktur-Ausschreibungen beteiligen?

Die Dimension des Projekts

Die Zweite Stammstrecke beginnt im Westen am Bahnhof Laim, führt über den Hauptbahnhof und Marienhof zum Ostbahnhof und taucht am Leuchtenbergring wieder auf. Das technische Problem: Die neue Trasse muss die bestehenden U-Bahn-Linien unterqueren — deshalb liegen die Bahnsteige extrem tief:

  • Hauptbahnhof: 41 Meter unter der Erde
  • Marienhof: 40 Meter
  • Ostbahnhof: 16 Meter

Riesige Rolltreppenkaskaden und Schwerlastaufzüge sind nötig, um Pendlerströme aus dieser Tiefe zu befördern. Dazu kommt der Umbau des Hauptbahnhofs mit einem neuen Starnberger Flügelbahnhof und einem neuen Empfangsgebäude.

Warum die Kosten explodieren

Die Deutsche Bahn nennt drei Hauptgründe für die Kostenexplosion:

1. Inflation und Baupreisentwicklung Die letzten Jahre haben gezeigt, was eine zweistellige Inflationsrate mit Bauprojekten macht. Materialkosten, Energiepreise, Löhne — alles ist massiv gestiegen. Was 2020 noch kalkulierbar war, kostet 2026 deutlich mehr.

2. Verschärfte Auflagen Nachträglich verschärfte Vorgaben bei Anlagensicherheit, Umweltschutz und Leittechnik haben tiefgreifende Umplanungen erzwungen. Solche Änderungen mitten im Projekt sind der Albtraum jedes Bauprojektmanagers — und kosten Millionen.

3. Bauverzögerungen und geologische Probleme Der Münchner Untergrund ist komplizierter als erwartet. Technische Hürden beim Tunnelbau haben Zeitpläne verschoben. Und jede Verzögerung kostet: Vorhaltekosten, Gerätemieten, Personalkosten.

Was das für Bauunternehmen bedeutet

Die Zweite Stammstrecke ist ein extremes Beispiel, aber die Muster sind dieselben wie bei vielen großen öffentlichen Projekten:

Zu optimistische Kalkulationen: Politischer Druck führt oft dazu, dass Projekte mit unrealistisch niedrigen Kostenansätzen genehmigt werden. Wenn die Realität eintrifft, fehlt das Geld.

Nachträgliche Auflagen: Je länger ein Projekt dauert, desto mehr neue Vorschriften kommen hinzu. Das betrifft Umweltauflagen, Arbeitssicherheit, technische Standards.

Inflation schlägt voll durch: Bei Projekten über 5–10 Jahre Bauzeit ist die ursprüngliche Kalkulation oft Makulatur. Wer als Bauunternehmen in so ein Projekt einsteigt, muss Anpassungsklauseln verhandeln.

Finanzierungsrisiko: Wer zahlt die Mehrkosten? Bund, Land, Stadt? Bei der Stammstrecke ist das 2026 immer noch nicht geklärt. Solche Unsicherheiten verzögern Folgeprojekte und blockieren Budgets.

Lehren für dein Unternehmen

Auch wenn du nicht für 11-Milliarden-Euro-Projekte bietest — die Mechanismen sind übertragbar:

1. Kalkuliere Inflation ein Wenn du ein mehrjähriges Projekt kalkulierst, denk an Preissteigerungen. Verhandle Anpassungsklauseln für Material- und Lohnkosten.

2. Dokumentiere Änderungen Nachträgliche Auflagen des Auftraggebers müssen dokumentiert und nachkalkuliert werden. „Das machen wir noch schnell" führt am Ende zu Verlusten.

3. Vermeide Projekte mit unklarer Finanzierung Wenn die Finanzierung eines öffentlichen Projekts nicht gesichert ist, besteht das Risiko von Zahlungsverzögerungen oder Projektstopps.

4. Große Projekte = große Risiken Nicht jedes Projekt ist ein gutes Projekt. Gerade bei Großbaustellen mit langen Laufzeiten steigt das Risiko unvorhergesehener Probleme exponentiell.

Wie geht es weiter?

Bund und Land Bayern halten trotz der Kostenexplosion am Projekt fest. Die Begründung: München braucht die Entlastung, sonst droht der Verkehrskollaps. Die Finanzierungslücke von mehreren Milliarden Euro ist aber weiterhin ungeklärt.

Für Bauunternehmen heißt das: Die Ausschreibungen laufen weiter, aber die Unsicherheit bleibt. Wer sich beteiligt, sollte genau prüfen, ob die Finanzierung steht — und die eigenen Risiken absichern.


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